Nachdichtungen

 

Georgij Ivanov: Russland ist Segen. Russland ist das Licht.
aus dem Russischen von Liza Wandermaler

Russland ist Segen. Russland ist das Licht. 
Doch stell dir vor, ein Russland gibt es nicht. 

Auch die Nevá verschluckte nie den Tag, 
Kein Puškin, der im Schnee am Sterben lag. 

Es gab kein Petersburg, es war kein Kreml‘, 
Nur Schnee auf Feldern, wie ein Weißfuchsfell.

Nur Schnee, nur Schnee, nur Schnee… Und lang die Nacht
Und niemals taut die weiße Felderpracht. 

Nur Schnee, nur Schnee, nur Schnee… Und fahl die Nacht
Und niemals endet ihre dunkle Macht. 

Russland ist Stille. Russland – Asch und Staub. 
Vielleicht ist Russland – Angst – verrückt und taub. 

Ein Seil, ein Schuss, eiskaltes Schattenfest, 
Musik, die den Verstand verlieren lässt. 

Ein Seil, ein Schuss… Die Dämmerung ist matt
Über dem Ding, das keinen Namen hat.

 

Marina Cvetaeva: Von vier bis um sieben Uhr
aus dem Russischen von Liza Wandermaler

Spiegel und Seele sind karg,
Fad ist’s zu Gast und allein…
Schleppend wird wieder der Tag
Von vier bis um sieben Uhr sein.
Meide die Menge – sie lügt,
Abends ist jedermann schroff.
Ich möchte weinen. Zerdrückt
Hab ich den seidenen Stoff.
Tust du mir weh – ich verzeih’s,
Du aber sei nicht gemein!
– Ich werde traurig und leis
Von vier bis um sieben Uhr sein.

 

Aleksandr Puškin: Der Dämon
aus dem Russischen von Liza Wandermaler

In jener Zeit, als alle Dinge
Mir waren neuer Lebensschwall - 
Der Mädchen Blick, des Waldes Singen, 
Das späte Lied der Nachtigall, -
Als die erhabenen Gefühle, 
Die Freiheit, Ruhm, der Liebe Glut
Und Künste, meinen Geist durchwühlend, 
Erregten mit das heiße Blut, -
Der Hoffnung und der Wonne Stunden
Mit jäher Sehnsuchtsqual gefüllt, 
Hat sich ein Geist an mich gebunden, 
Ein Gast, der seine Absicht hüllt. 
Betrübt sind alter Treffen Orte:
Sein Lächeln und sein schöner Schein
Und seine hasserfüllten Worte
Mir schienen kaltes Gift zu sein. 
Mit unerschöpflich neuen Lügen
Hat er mich zu verführ'n versucht;
Er wollte mich mit Träumen trügen;
Hat die Erleuchtungskraft verflucht;
Er glaubte nicht der Freiheit, Liebe;
Er blickte spöttisch in die Welt - 
Und hätte nichts, das noch verbliebe
Mit seinem Segenswort erhellt. 

 

Vladimir Nabokov: Das Abendmahl
aus dem Russischen von Liza Wandermaler

Leise Stunde des förmlichen Abendmahls,
Prophezeiung von Abkehr und Ende. 
In dem Halblicht des nächtlichen Perlenstrahls:
               oleanderndes Blütenmeer. 

Ein Apostel neigt sich zu dem andern hin. 
Jesus Christus hat silbrige Hände. 
Glasklar beten die Kerzen und mittendrin
               kriechen Nachtfalter hin und her. 

Liza Wandermaler © Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 2021.