Das Maisonette

          

Das Maisonette ist eine im Jahr 2019 von Liza Wandermaler entwickelte Unterform des Sonetts, das aus 14 Versen in zwei Quartetten und zwei Terzetten besteht. Die Quartette weisen das typische Reimschema ABBA; ABBA auf, die Terzette können dagegen aus verschiedenen Reimschemata gebildet werden: CCD; EED / CDE; CDE / CDC; EDE und weiteren.

Das Maisonette zählt zu den Figurengedichten, da es die Form einer Pyramide aufweist, was davon beeinflusst wird, dass die Silbenanzahl in jedem folgenden Vers um eine Silbe erhöht wird. So sind im ersten Quartett in den Versen 1 bis 4 jeweils 1, 2, 3 und 4 Silben, im zweiten Quartett in den Versen 5 bis 8 jeweils 5, 6, 7 und 8 Silben, im ersten Terzett in den Versen 9 bis 11 jeweils 9, 10 und 11 Silben und im zweiten Terzett in den Versen 12 bis 14 jeweils 12, 13 und 14 Silben.

Der Name der lyrischen Form befindet sich im Gleichklang mit dem Wort „Sonett“, leitet sich darüber hinaus aber von der mehrstöckigen Wohnung, der Maisonette, ab, die in diesem Fall nach oben hin spitzer wird und einen stufenähnlichen Aufstieg über die Verse zum Himmel symbolisiert. Ferner kann das Maisonett als Antwort auf die Frage, weshalb wir überhaupt Gedichte schreiben, gesehen werden – weil uns eben jene formaufweisende Aneinanderreihung von Klängen das Gefühl gibt, hinter und über die Dinge schauen und den höheren Sinn erkennen zu können. Das Maisonette ist somit ein besonders "physisches" Lyrik-Beispiel: Es muss demnach gebaut werden, um als "Fortbewegungsmittel genutzt" zu werden. 

Als Pioniertext des Maisonettes kann das nach der Form benannte grundlegende Gedicht „Maisonette“ aus dem Jahr 2019 gesehen werden, das, zurückgreifend auf die Leitmotive des Symbolismus (insbesondere die Schlüsselmotive der jüngeren Generation der russischen Symbolisten), erläutert, dass die geschriebenen Worte nur lebendig bleiben können, wenn sie ausgesprochen werden und man ihres Klangs bewusst wird. Durch das Zerbrechen in Klänge und die anschließende rückwirkende Verkettung erhalten die Worte erst das Bewusstsein ihrer Existenz. "Spreche ich es aus, fängt es an, zu existieren." Der Klang der einzeln unbedeutenden, doch durch ihre Vereinigung physisch werdender Laute, wird über den eigentlichen Glauben gehoben und als die einzige Möglichkeit des himmlischen, nichtreligiösen Aufstiegs angesehen. Der Dichter selbst schlüpft in die Rolle des Propheten, der als Einziger die Worte lebendig und physisch erhalten kann, in dem er sie „in Klänge bricht“ und zu einer höheren Form zusammenfügt, womit die Dichtung einerseits als Berufung, andererseits als erlernbares Handwerk positioniert wird. Der bloße "Federstrich" dagegen "ist den Klängen ein Mord" und lässt die Worte tot auf dem Papier stehen, ohne dass sie ihrer Existenz bewusst werden. 

 

Maisonette

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Ich –
Ein    Ort,
Der das Wort
In Klänge bricht.

Jeder        Federstrich
Ist den Klängen ein Mord.
Jedes     sterbliche      Urwort
Ist  die  Schärfe  im  Nadelstich.

Und  der Weg  zu den Lichtern im  Blau
Geht  durch Fenster im sanften  Sakralbau,
Doch  ich   friere  und   flüster  das   Eissonett.

Jede     schneeweiße     Eule      im     Sonnensystem
Bringt  mir winzige Tröpfchen von staubigem Strohlehm
Und  ich bau vierzehn  Stufen  zum Lob deiner  Maisonette.

 

 

Liza Wandermaler © Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten. 2023.